
Traumverwandt
die Schatten der Dinge
BilderSprache - SprachBilder
ISBN 389906597 - 2
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BilderSprache - SprachBilder
ist eine Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Mitteln von bildender Kunst und Literatur, von Farbe, Form und Linie und der Arbeit mit dem Wort, der Sprache.
Im ersten Teil verarbeite ich lyrisch meine Eindrücke von Bildern, Collagen, Skulpturen der klassischen Moderne. Die Texte neueren Datums sind häufig erwachsen aus meiner freien Mitarbeit in einer Galerie für zeitgenössische Kunst.
Im zweiten Teil behandle ich entsprechende Themen - im Mittelpunkt steht immer der Mensch - mit eher aus der Sprache heraus entwickelten Bildern, wobei eine strenge Trennung sich ausschließt, da Kunst und Literatur sich mit derselben Welt und ihrer Wirklichkeit befassen, den Schatten der Dinge.
Ein abschließender Teil enthält essayistische Texte, die sich mit der Arbeitsweise des Künstlers und der des Schreibenden befassen. Ich komme auf Unterschiede zu sprechen, hebe aber das Gemeinsame hervor, eben auch die gegenseitige Befruchtung der Künste. Das Buch will dazu anregen, Kunstwerke zum Anlass zu nehmen weiterzudenken.
PABLO PICASSO: „SITZENDE“
ERINNERUNG AN EINE LESUNG VON JOHANNA JOHANSEN
mit gekreuzten Beinen
und Armen, die den Erdkreis umschreiben,
sitzt sie da
auf ihrem dreifüßigen Throne
barbusig
entschleiert
eine Sibylle
ganz bei sich selber
freimütig
bekennend
ihr symmetrisch-asymmetrisches So-Sein
in einer deformiert erscheinenden Welt
(1999)
MARC CHAGALL: DER SCHWARZE HANDSCHUH
Sie ist tot:
die grüne Hand
tastet nach der verlorenen Zeit
die geflügelte Standuhr schweigt
noch lebt der blaue Traum
in der Fruchtblase
der doppelgesichtigen Liebe
noch schmiegen sich die Körper
märchenhaft
in sich ruhend
vertraut
noch leuchten die Farben
auf der Palette
und der schwarze Handschuh
läßt nicht zu,
dass das Buch des Lebens
sich schließt.
(1998)
DER POET UND DER CLOWN
Der Poet ist der Clown,
der Clown ist der Maler,
ist der Träumer,
der Sinnende.
An sein Ohr
schmiegen sich die Körper
der Liebenden,
in sein Ohr singt
die weiße Taube,
an sein Ohr gelehnt
reicht die Jakobsleiter
in den Himmel.
(1998)
DER KÜNSTLER UND SEIN SCHEITERN
Wie Sisyphos
immer aufs neue
beginnen - glücklich sein
über das Kontinuum des Tuns,
über das tägliche Scheitern,
das den Neubeginn erst ermöglicht,
das Sinn verleiht
dem immerwährenden Schaffen.
Es ist der Verzicht
auf Vollendung,
auf letzte Gewissheit,
der paradoxerweise
den Impuls zum Weitermachen
enthält.
(2005)
„DIE GEBURT DES TROTZDEM“
im Geburtsvorgang stecken bleiben,
in einer Gegenwart verharren,
die im Alltag als erinnertes und
antizipiertes Leben erfasst wird:
ein Moment, in dem
Bewusstsein aufflackert,
eine Entscheidung reift,
die Vorher und Nachher
als abgehobene Zeiträume
ausweist.
Sich in eine Geschichte verstricken
und fürchten müssen,
dass einem ein Strick
daraus gedreht werden könnte:
verhakt
versponnen
gebunden sein,
wenn man entbunden sein möchte.
Eine Aufgabe schultern,
den Schulterschluss üben
und nicht zurückschrecken,
wenn man dir die kalte Schulter zeigt,
wenn ein Schulterzucken dich abweist.
Nimm's auf die leichte Schulter!
(2005)
ABSTRAKTION (Haikus):
Bilderverbot der
Abstraktion: ikono-
klastischer Impuls?
Abstraktion - auf
der Flucht vor der Bilderflut:
Sehnsucht nach Dauer?
Abstraktion als
Rückzug aus der Außenwelt
in Innenräume.
(2004)
ZU PAUL KLEE (Haiku):
Die Psyche zwischen
Gesicht und Maske schwebend,
füllt Zwischenräume.
SO VIELE ARTEN
DURCHS LEBEN
ZU GEHEN
so viele arten
durchs leben zu gehen
wie buchstaben
die sich in handschriften
unterschiedlich gebärden
groß und aufrecht die einen
gebeugt nach vorne geneigt
die anderen mit rundem
rücken in sich ruhend
sich selbst genügend
andere kommen
auf zehenspitzen daher
leise und schüchtern
sich umblickend und
geraten leicht aus dem
gleichgewicht drohen
zu straucheln zu fallen
und fangen sich wieder
manche stehen da
gesondert andere
in gemeinschaft
manche stehen auf festen
beinen andere haben
die bodenhaftung verloren
knien oder kommen bäuchlings
zu liegen so viele arten
durchs leben zu gehen
(2004)
INNENANSICHT VON SPRACHE
sprachinnenräume betreten
die rinde durchbohren oder aber
eindringen über astlöcher
wundmale und aufgeweichten schorf
die jahresringe durchstoßen
vordringen in vergangenes
die raumtiefe ausloten
stimmschwankungen und
klangdifferenzen wahrnehmen
weniger am wortlaut kleben
als befindlichkeiten
belauschen handschriftliches
spiegelschrift oder geheime zeichen
sich zeit lassen warten
geduld üben das wesentliche
erspüren lernen
eine zusammenschau von
innen und außen versuchen
ein ganzes zu sein
(2004)
BEIM BETRACHTEN EINER ALTEN POSTKARTE
das holprige Pflaster
die Kandel
das Trottoir
trostlos trotteln
die Häuserfronten
wie Großtantes Kleider
dunkel und farblos
fallen die Schatten
die Blicke
von hinter den Vorhängen
hämisches Grinsen
Mundwinkelwelken
Unausgesprochenes
ballt die Fäuste
Läden werden
vor Einbruch
der Nacht
geschlossen
niemand denkt an
beleuchtete
Straßencafés
(2002)
DAS UNBEWUSSTE
das Wurzelbewusstsein
schafft ein Waldbodenklima
in dem die Pilze ihre Rhizome ausbreiten
ihre Fäden in ein dreidimensionales Netz
schicken, das unkontrolliert
sich in der Dunkelheit
ausbreitet
(2005)
PENELOPES TEPPICH
die Tintenspur
folgt den Fußstapfen des Tages
die verwischt werden
wie die Fingerabdrücke der Worte
die Tintenspur
folgt den Gedanken aufs Hochseil
Worte, die der Tag fasst
und die Nacht löst
(2005)
Books
On Demand: „Die lyrischen Texte dieses Bandes
beziehen sich auf bekannte Kunstwerke und Bilder der klassischen Moderne, wie
etwa jene von Picasso oder Chagall.
E-Mail: ingeborg @ ingeborgbauer.de