Die Melodie des Ölbaums und der Palme

Reisen in den Maghreb

 

 

                   

ISBN 978-3-8334-6807-0

 

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Die Melodie des Ölbaums und der Palme

Reisen in den Maghreb

 

Wenn man zum ersten Mal ein Land bereist, so steht das überraschende Moment, das spontane Erleben im Vordergrund. Es sind vornehmlich Bilder, die sich einprägen, es wird viel empfunden, die intellektuelle Verarbeitung dagegen nimmt bei einer wiederholten Reise größeren Raum ein. Das Wiedersehen mit den einzelnen Orten wird verbunden mit der Erinnerung an den Ort, das damalige Erlebnis wird durch die Erinnerung gebrochen, nochmals heraufbeschworen und mit dem neuen Schauen verglichen und verwoben. Es ist ein wenig, als lege sich über etwas unscharf gewordene Bilder der Erinnerung eine neue Schicht, die die alte durchschimmern lässt.  Oder aber es sind in der gestalteten Erinnerung geformte Bilder, die nun im Wettbewerb stehen mit den neuen Eindrücken. Dies gilt für das Verhältnis der beiden Tunesienreisen im Abstand von sechs Jahren.

 

Marokko ist ein Zwischenglied, eine Art Scharnier, ein Bilderbuch von Geschautem, das zwischen Paradies und Inferno gegensätzliche Eindrücke zu verarbeiten sucht und die Landschaften des ariden, bzw. halb-ariden Gebirgslandes mit dem Meer konfrontiert, das ähnlichen Rhythmen folgt.

 

Ein Teil unserer Kultur kommt aus der Wüste, die monotheistischen Religionen von Judentum, Christentum und Islam haben sich dort strukturiert, sind aus der Reduktion, aus der Konzentration entstanden. Eine Wüstenlandschaft in ihrer spröden Kargheit bringt den Menschen dem Wesentlichen näher. Der Fels, der die Schichten vergangener Zeiten in seiner Nacktheit bloßlegt, verbindet ihn mit den Jahresringen der Bäume und läßt den einzelnen Menschen zur Besinnung kommen. Die Hitze des Tages, die Kälte der Nacht, Trockenheit und Sintfluten, zwischen diesen Extremen lebt der Nomade, und wir aus gemäßigteren Breiten sind in einem übertragenen Sinne vertraut mit dem Ausgesetztsein unseres Daseins, der Verwundbarkeit, der Endlichkeit, die unser Leben bestimmt. Dem steht die überwältigende Farbigkeit des Maghreb gegenüber. Überall, wo es Wasser gibt, entsteht eine paradiesische Vegetation, und die bunten Gewänder der Berberfrauen mit ihren Silbergehängen sprechen von einer Üppigkeit, einer Lebensfreude, die der Kargheit ihrer Umgebung widerspricht, ihr etwas entgegensetzt. Eine Reise in den Maghreb gibt uns Einblicke in das Fremde, Exotische, aber führt uns auch zurück zu uns selber, bereichert unsere Erfahrung mit dem eigenen Leben, schenkt uns Bilder der Erkenntnis.

 

          Tunesien. Reisetagebuch - Ostern 2000                    

 

          Marokkanische Fuge                                                            

 

          Tunesien. Reisetagebuch - Pfingsten 2006                 

 


 

MAROKKANISCHE KLÄNGE

 

PRELUDE

 

Über der Römerstadt Volubilis bricht die Nacht herein. Ein leises Trommeln dringt vom Dorf herüber, später antworten Trommelschläge aus der anderen Richtung - es kommt zu einer leisen Zwiesprache im Dunkel der hereinbrechenden Nacht, und wie bei einem Gespräch gibt es Pausen der Besinnung, während die Sterne heller zu leuchten beginnen.

 

TAGESWIRBEL IM SOUK VON MARRAKESCH

 

Lautes Trommeln, so scheint es, von allen Seiten, ein bedrohliches Crescendo, von disharmonisch-metallischen Klängen begleitet. Rote Arme und Beine scheinen uns wie dem Schlangenbeschwörer entkommene Kreaturen zu umzingeln, zischend und keuchend; völlig außer sich geraten, zeigen ihre zu Fratzen entstellten Gesichter weit aufgerissene Augen und ein Gebiss übergroß erscheinender weißer Zähne. Wie von Sinnen tanzen diese gertenschlanken Gestalten, um zu verschwinden und wieder aufzutauchen, für uns wie die bösen Geister, die die Berber überall vermuten ... baraka!

 

MONDSCHEIN IN DER SANDWÜSTE

 

Sand steht buchstäblich in der Luft und beschränkt die Sicht fast völlig, bis sich die Dünen wieder enthüllen und dieser rote Sand Marokkos sich ins Unendliche zu erstrecken scheint. Irgendein Regen irgendwo hat einen Salzsee entstehen lassen und mit blassroten Flamingos besiedelt.

Als der volle Mond aufgeht, glänzt das Wasser silbern. Beduinen beginnen leise zu trommeln, zuerst im Nacheinander der Stimmen, die sich mehr und mehr aneinander schmiegen, sich angleichen und gegeneinander antreten wie die unterschiedlichen Herzschläge der Musikanten.

 

AUSKLANG

 

Im Atlasgebirge verdichten sich die Kleeschen Baum-Melodien der Bergterrassen zu komplizierten Fugen, die Kontraste der farbigen Erde schaffen Kontrapunkte, die auf die Fermaten der Felsriegel stoßen. In der grünen Coda der Oasentäler scheinen sich grüne Echsen zu schlängeln: Ausfließen der Melodie der Bäume. - Der morgendliche Dunst führt die Töne an die Ränder des Hörbaren, verwandt der großen Stille der Wüste.

 


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